Arbeitsstelle Lernwerkstatt Sachunterricht

Das Theoretische Konzept der RÖSA

aus: Astrid Kaiser: Praxisbuch handelnder Sachunterricht 2. (Band 2)
Baltmannsweiler, Schneider Verlag 1998, S. 3-6



Schon die Reformpädagogen der Jahrhundertwende wollten mit der Schulbuchschule Schluss machen. Sie forderten tätiges Lernen, lebendiges Lernen und kindgerechtes Lernen. Über hundert Jahre früher wollte Pestalozzi ein Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Vor 350 Jahren war für Comenius klar, dass das Lernen mit allen Sinnen erfolgen sollte. Derartige uralte Forderungen haben auch hier und dort ihren Niederschlag gefunden.

Faktisch wird aber heute von geschickten Verlagen anstelle der Schulbuchschule die Arbeitsblattschule eingeführt, bei der es wiederum darum geht, dass Kinder durch Worte lernen und nicht durch Taten oder Erfahrung.

So wiederholt sich die Schulgeschichte, dass Kinder durch Vorschriften und Nachbeten lernen sollen, aber weniger durch eigenes Problematisieren oder Entdecken. Wir wissen jedoch in der Praxis, wie motivierend es ist, wenn Kinder handeln dürfen, wenn sie selbst als Person angesprochen sind. Wenn wir uns an unsere eigene Grundschulzeit zurückerinnern, dann ist der Gang zum Schuster oder das Bauen eines Sandkastenmodells unserer Umgebung in Erinnerung geblieben. Wer aber weiß noch, welche Merksätze wir in Heimatkunde bzw. Sachunterricht aufgeschrieben haben? Manche davon mussten wir mehrfach auswendig herzusagen üben.

Ein weiterer Weg, der schon in der Reformpädagogik verfolgt wurde, ist der des phantasievollen ästhetischen Herangehens an Inhalte. Einige Reformpädagogen und Pädagoginnen hatten großes Vertrauen in die Kreativität von Kindern, andere wiederum ließen sie sinnlich in Unterrichtsgängen ihre Umgebung erfahren und erleben. Auch die Phantasie von Kindern und Lehrkräften wird heute oft unter der Klappe des Kopiergerätes platt gedrückt. Meist geht es darum, Klassensatz weise Standardwörter in Lücken zu füllen und nicht darum, persönlich einen Zugang zur Welt zu finden. Viele Lehrkräfte wollen aber nicht nur Ausfüllgehilfen von Formularen sein, sondern einen lebendigen Unterricht praktizieren, der den Kindern - aber auch ihnen selbst - Spaß macht. Dazwischen besteht aber eine hohe Vorbereitungshürde, denn es ist mühsam, sich materialorientierten Unterricht auszudenken. Dazu haben wir in unserer Lernwerkstatt RÖSA (Regionale ökologische Sachunterrichtslernwerkstatt) in Oldenburg viele Anregungen und Hilfen für handelnden, kreativen und kommunikativen Sachunterricht zusammengetragen. Dorthin können auch Lehrkräfte kommen und sich vom Material zu produktivem Unterricht inspirieren lassen. Viele Unterrichtsbeispiele zur Veranschaulichung des Konzeptes der RÖSA werden in diesem Band vorgestellt.


In diesem Konzept handelnden Sachunterrichts werden die reformpädagogischen Stränge des Naturerlebens, des gemeinsamen Handelns, des mit allen Sinnen Lernens, des kreativen Lernens zusammenzufassen versucht. Nicht immer und nicht immer weit genug kann dies heutzutage gelingen, dennoch sind diese veröffentlichten Handlungsmaterialien ein Versuch, Anregung für die Praxis zu geben, es noch besser zu machen, noch kreativer zu gestalten, noch offener, noch handelnder, noch flexibler den Unterricht zu entwickeln, als wir es bislang vorzuschlagen vermocht haben. Denn die Entwicklung hin zu einem integrierten Sachunterricht, in dem viele Dimensionen erfüllt sind, der differenziert ist und gleichzeitig verschiedene Zugangsweisen ermöglicht, steht erst am Anfang.

Umgekehrt haben wir erfahren, wie viele Schulen sich aber auf den Weg gemacht haben, projektorientierten oder handlungsorientierten Unterricht anstelle von Papierunterricht zu entwickeln. Von daher können die vorliegenden Beispiele nicht als fertige Sammlung aufgefasst werden, sondern als Anregung, diesen Zielen entsprechend den Sachunterricht praktisch gemeinsam an jedem Ort weiterzuentwickeln. Gerade das differenzierte und vielfältige Lernen an den Handlungsmaterialien ist uns wichtig. Dies passt zu einer gesellschaftlichen Entwicklung, die sich immer schneller verändert, vielfältige Kulturen und Subkulturen aufweist und hohe Anforderungen an die Flexibilität des Individuums stellt. Deshalb stellen wir in Anlehnung an Herbert Hagstedt verschiedene Wege des Umgangs mit unserem Handlungsmaterial vor: So ist es möglich, die Materialien als Buffet den Kindern zur Wahl anzubieten. Es kann aber auch im Sinne des Zirkeltrainings als Stationenlernen gearbeitet werden. Auch das Werkstattkonzept ist ein Weg handelnden Sachunterrichts, indem die Kinder gemeinsam zu einer Fragestellung Handlungsmaterialien entwickeln, Versuchsmöglichkeiten oder Erkundungsmöglichkeiten planen und erproben und gemeinsam auswerten. Aber auch als Ergänzung zu konventionellem Unterricht eignen sich diese Anregungen. Einzelne Versuche können herausgegriffen werden und zur Veranschaulichung verwendet oder als Impuls für Problemgespräche gesetzt werden. Gerade diese Verschiedenheit der Materialien ist ein Weg, der besonders auf die gegenwärtige Wirklichkeit bezogen erprobt werden sollte. Denn auch in der schulischen Realität kommen Kinder mit sehr verschiedenen Lebensläufen, mit verschiedenen Erfahrungen zusammen. Deshalb ist es in der Schule wichtig, an die Verschiedenheit anzuknüpfen, verschiedene Zugangsweisen zu eröffnen, z.B. ästhetische, kognitiv kritische, praktisch handelnde, ethisch beurteilende, zusammen an einem gemeinsamen inhaltlichen Thema. Aber es ist wichtig, diese auch gemeinsam wiederum im Gespräch auszuwerten, sich gegenseitig auszutauschen und anzuregen. Zwischen diesen beiden Polen, dem differenzierten Handeln und immer wieder dem gemeinsamen Gespräch, der viel dimensionalen Entwicklung der Thematik und der gemeinsamen Auswertung der verschiedenen Versuchserfahrung liegt m.E. eine produktive Antwort auf unsere heutige gesellschaftliche Entwicklung. Also einerseits den Verschiedenheiten Rechnung zu tragen und andererseits Gemeinsamkeit schaffen, im Zusammenleben und in der gemeinsamen Diskussion und Problemlösung, aber auch Konflikte auszutragen und dies konstruktiv im Unterricht einzubauen.


Die in diesem Praxisbuch vorgeschlagenen Unterrichtsanregungen haben gemeinsam, dass sie praktische Ansätze auf dem Wege zu einem zeitgemäßen Sachunterricht sein sollen.

Ich verstehe darunter einen Sachunterricht, der mit dazu beiträgt, kleine Menschen für eine humane und demokratische Gesellschaft vorzubereiten und nicht eine Neuauflage der Ellenbogengesellschaft mit Markenprodukten und Bürokratie betreibt.

Die meisten vorliegenden didaktischen Konzepte sind auf eine Gesellschaft orientiert, die traditional bisher erworbenes Wissen zu reproduzieren hat. Nicht Differenziertheit, Weiterentwicklung und Vielfalt, sondern einlineare Lösungswege überwiegen. Merkfähigkeit schon bekannter Regeln ist gefragt, aber nicht das kommunikative produktive Miteinander-Umgehen von verschiedenen Menschen und das sich Einstellen auf neue Situationen.

Deshalb sollen die Handlungsmaterialien mehrdimensional sein und verschiedene Funktionen erfüllen, wie:

· spielerisches Üben

· Informationsvermittlung

· Veranschaulichung

·  kooperatives Lernen

·  selbständiges Lernen

·  entdeckendes Lernen

·  forschendes Lernen

·  subjektive Bedeutungen erschließen

·  verschiedene Sichtweisen kommunikativ austauschen

·  Kreativitätsförderung

·  mit allen Sinnen lernen

·  Erschließen ästhetischer Bedeutungsdimensionen

·  mehrperspektivisches Lernen

·  veränderndes Handeln im Schulleben

·  veränderndes Handeln im Schulumfeld

·  veränderndes Handeln im Ort/in der Region

Nicht alle Funktionen können bei allen Themen gleichermaßen entwickelt werden. Wichtig ist mir nur, dass überhaupt handelnder Sachunterricht nicht nur einseitig als spielerische Informationsvermittlung oder als Veranschaulichung gesehen wird. Sachunterricht der Zukunft soll auch durch konkretes veränderndes Handeln auf die sich verändernde Gesellschaft vorbereiten. Er soll vor allem die Vielfalt der Kinder berücksichtigen.


Das wesentliche Moment, über das die Erfahrungen der Kinder aber in den Unterricht eingehen, ist der Erfahrungsaustausch, das Gespräch.

Deshalb erscheint es mir in der heutigen Zeit entscheidend zu sein, kommunikative Prozesse im Sachunterricht einzuplanen. Das Gespräch geht dem differenzierten Handeln im Unterricht voraus und folgt ihm.

Im Austausch wird einerseits die Relativität des eigenen Wissens, aber auch die Begrenztheit des eigenen Wissens deutlich. So wird der eigene Erfahrungshorizont geöffnet und erweitert.

Ein weiterer Schwerpunkt des hier vorgeschlagenen Konzeptes ist es, abzugehen von der Überlastung der Lehrerinnen und Lehrer als Alleskönner. Auch Kinder können Kindern Wissen vermitteln, Hilfestellungen und Erklärungen oder Interpretationen geben. Diese sind durchaus für das Lernen der anderen Kinder sehr fruchtbar. Es bedarf aber dafür der Zeit und Gelegenheit. Gerade beim Arbeiten mit Handlungsmaterial haben Kinder die Chance, den Deutungen der anderen zuzuhören, ihre Lösungswege zu beobachten und mit den eigenen Ansätzen zu vergleichen. Dies sind intensive Lernanregungen, die weit über die Möglichkeiten frontaler Belehrung hinausgehen.

Wenn wir von schnellem gesellschaftlichem Wandel und zunehmender Verschiedenheit der Kinder in einer Klasse ausgehen, müssen auch die Handlungsideen einem differenzierten, mehrdimensionalen Sachunterricht gerecht werden, der veränderbar bleibt und nicht an einem festgelegten Wissenskanon orientiert ist.

Praktische Umsetzung

Dieses Konzept kann in verschiedenen methodischen Varianten umgesetzt werden. Eine Form ist das Stationenlernen, eine andere ist die Präsentation des Materials in Form eines Lernbuffets oder eine Karteikartensammlung, nach der die Kinder ihre Versuchsmaterialien selbst entwickeln.

Das Wichtigste dabei ist aber vor allem die Person der Lehrerin/des Lehrers. Die Lehrenden können durch ihre Haltung, verschiedene Lösungen bei Kindern zuzulassen, auf verschiedene Möglichkeiten zu reagieren, wesentlich zum Gelingen des Konzeptes beitragen.

Aber auch die Form der Leistungsüberprüfung muss dem Konzept entsprechen. Tests, die auswendig gelerntes Wissen abfragen, widersprechen dem Konzept problemorientierten forschenden Lernens. Hier ist es wichtig, dass Kinder Ergebnishefte oder noch aufwendigere Präsentationen wie Ausstellungen als Ergebnis der Auseinandersetzung mit einer Thematik entwickeln.

Literatur

·  Hagstedt, Herbert: Offene Unterrichtsformen. Methodische Modelle und ihre Planbarkeit. In: Hameyer, Uwe u.a. (Hg.): Innovationsprozesse in der Grundschule. Bad Heilbrunn 1992, 367-382

·  Kaiser, Astrid: Einführung in die Didaktik des Sachunterrichts. Baltmannsweiler: Schneider Verlag 1995